Geschichten

 

 

 

 

Der Elefant
Das Panoramafenster
Der Schmuggler
Der Kreisel
Robotik und Leben
Der Bühlerhof
Der Diamant
Verirrt
Hangtschou
Das Russel'sche Huhn

Geschichten

 

Der Elefant

Ein Wanderzirkus wird vom Wintereinbruch überrascht und richtet sich provisorisch in einem Notquartier ein. Der Elefant wird in einem Stall in einem abgelegenen Dorf in der Nähe untergebracht, das ausschließlich von blinden Menschen bewohnt ist. Die Dorfbewohner können sich unter einem Elefanten nichts vorstellen und beauftragen fünf anerkannte Experten aus ihrer Mitte damit, den Elefanten zu untersuchen und den restlichen Dorfbewohnern das Ergebnis vorzustellen.

Die Fünf machen sich also ans Werk und betreten den Stall, in dem der Elefant untergebracht ist. Der erste bekommt den Rüssel des Elefanten zu fassen und denkt: „Aha, ein Elefant ist wie eine Schlange.“ Der zweite betastet einen Stoßzahn und denkt: „Wie das lange Horn eines Büffels.“ Der dritte erfühlt ein Ohr und weiß sofort: „Aha, ein Putzlappen.“ Der vierte umfaßt das stämmige Bein und schließt daraus: „Ein Elefant ist wie ein Baum.“ Der letzte erwischt den Schwanz und denkt sofort an einen Pinsel.

Als die fünf Experten den restlichen Bewohnern des Dorfes ihre Beobachtungen mitteilen, geraten sie in Streit. Für den ersten ist der Elefant eine Schlange, für den zweiten ein Büffelhorn, der dritte hält ihn für einen Putzlappen, der vierte für einen Baum und der fünfte für einen Pinsel. Die Dorfbewohner sind verwirrt. Sie haben auch nach der Darstellung ihrer Experten weiterhin keine Vorstellung davon, wie ein Elefant aussieht.


Das Panoramafenster

Mit der Zahnradbahn ist Fritz Freund zum Restaurant hinaufgefahren und steht jetzt vor dem riesigen Panoramafenster. Die Aussicht auf die Bergwelt ist wirklich beeindruckend. An der Vielfalt der überwältigenden Eindrücke kann er sich nicht satt sehen.

Holger Hibbelig kommt in das Restaurant, bleibt kurz vor dem Panoramafenster stehen und murmelt: „Diese vielen Fliegen - einfach schrecklich.“ Dann setzt er sich in den hinteren Teil des Restaurants und bestellt ein Weißbier. Das herrliche Panorama hat er mit keinem Blick gewürdigt.

Fritz fallen erst jetzt die vielen Fliegen auf, obwohl er bereits seit gut zwanzig Minuten vor dem Fenster steht und den Ausblick genießt.


Der Schmuggler

Jeden Tag ging Nasrudin mit seinem Esel über die Grenze, die Lastkörbe hoch mit Stroh beladen. Da er zugab, ein Schmuggler zu sein, durchsuchten ihn die Grenz­wachen immer wieder. Sie machten Leibesvisitationen, siebten das Stroh durch, tauchten es in Wasser und verbrannten es sogar von Zeit zu Zeit. Nasrudin wurde unterdessen sichtlich wohlhabender.

Schließlich setzte er sich zur Ruhe und zog in ein anderes Land. Dort traf ihn einige Jahre später einer der Zollbeamten.

„Jetzt könnt ihr es mir ja verraten, Nasrudin,“ sagte er. „Was habt ihr damals nur geschmuggelt, daß wir euch nie etwas nachweisen konnten?“

„Esel“, bekannte Nasrudin.


Der Kreisel am Ende der Autobahn

Hans Eigennutz fährt zur gleichen Zeit wie Ralf Raser in den Kreisel ein. Hans hat eine zweistündige Autobahnfahrt hinter sich. Er ist froh, das Ende der Autobahn erreicht zu haben. Ralf fährt in die Gegenrichtung. Er hat die zweistündige Fahrt noch vor sich. Er denkt: „Dies ist der Anfang der Autobahn.“ Der Kreisel ist beides: Anfang und Ende der Autobahn. Hans sieht nur das Ende, Ralf nur den Anfang.


Robotik und Leben

Ein  Zirkus hat einen großen Braunbä­ren darauf trainiert, aufrecht durch die Manege zu gehen. Dabei schlägt er den Takt auf einer Trommel, die vor seinem Bauch befestigt ist. Unser Braunbär ist der Star jeder Nachmittagsvorstel­lung, der Liebling aller Kinder.

Als Double für Notfälle wurde ein Roboter entworfen, der alle Eigenschaf­ten des Bären aufweist. Die Sensorik und die Motorik sind hochent­wickelt, die Trommelschläge sind programmiert, die äußere Verkleidung macht ihn unserem Bären zum Verwechseln ähnlich. Dennoch merken die Kinder den Schwindel sofort, als er eines Tages zum Einsatz kommt. Woran liegt das? Der Takt der Maschine und der Rhythmus des Leben­digen sind offensichtlich derart verschieden, daß der Unterschied unmittelbar auffällt.


Der Bühlerhof

Ein bekannter Arzt hatte in seinem Sanatorium im Gebirge einmal einen ausgesprochen mißmutigen Patienten. Diesem wollte er die Ursache des Mißmutes demonstrieren und stellte auf der Liegeterrasse, von der man einen besonders schönen Ausblick hatte, zwei Fernrohre auf und richtete sie auf ganz bestimmte Ziele ein.

Dann rief er seinen Patienten herbei und sagte zu ihm: „Durch beide Fernrohre sehen Sie den Bühlerhof, der dort drüben in der Sonne liegt. Wenn Sie durch die Fernrohre schauen, werden Sie erkennen, wie Sie selbst und wie lebensfrohe Menschen die Welt betrachten."

Der Patient blickte durch das eine, dann durch das andere Fernrohr. Dann lief sein Nacken rot an. Er sagte kein Wort, drehte sich nur um, brummelte „Ist ja Quatsch, richtiger Blödsinn" vor sich hin und stapfte davon.

Am nächsten Tag kam er in das Sprechzimmer und sagte zu dem Arzt: „Sie haben mir gestern allerhand zu denken gegeben. Das mit den Fern­rohren war ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Ich weiß jetzt, was mir fehlt.“

Was war durch die beiden Fernrohre zu sehen gewesen? Beide waren auf den vierhundert Meter entfernten Bühlerhof gerichtet. Das eine zeigte auf die Vorderfront mit den hübschen Fenstern und den wunder­schönen Geranien, das andere auf den Misthaufen. Beides war der Bühlerhof!


Der Diamant

Der weise Mann hatte den Dorfrand erreicht und ließ sich un­ter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen. Da kam ein Dorfbewoh­ner angerannt und rief: „Der Stein! Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein!"

„Welchen Stein?" fragte der alte Weise.

„Letzte Nacht erschien mir Gott im Traum,“ sagte der Mann aus dem Dorf, „und sagte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen Weisen finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so daß ich für immer reich wä­re.“

Der Alte durchwühlte seinen Sack und zog einen Stein heraus. „Wahrscheinlich meinte er diesen hier,“ sagte er, als er dem Dörfler den Stein gab. „Ich fand ihn vor einigen Tagen auf ei­nem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.

Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Dia­mant. Wahr­scheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war so groß wie ein Tennisball. Er nahm den Diamanten und ging fort. Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den alten Weisen bei Tagesanbruch und sagte: „Gib mir den Reichtum, der es Dir ermöglicht, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzu­geben.“

Verirrt

Mit erlahmenden Kräften und zitternden Beinen kämpften wir gegen Müdigkeit und Schlaflust an. Die steilen Seiten der Dünen schauten nun überwiegend nach Osten. Ich rutschte an ihnen hinunter und kroch lange Strecken auf Händen und Füßen. Wir waren schlaff und gleichgül­tig, kämpften aber um unser Leben. Man denke sich unsere Überra­schung, als wir auf der sanft abgedachten Oberfläche einer Düne menschliche Fußspuren fanden. Über sie gebeugt, untersuchten wir sie genau. Es war klar, daß hier Menschen gegangen waren und wir konn­ten nicht mehr weit vom Fluß entfernt sein. Wir folgten der Spur bis auf den Dünenkamm. Hier sank Kassim nieder und sagte mit kaum hörbarer Stimme: „ Es sind unsere Spuren.“ Eine bedrückende Entdeckung:  Wie lange waren wir auf diese Weise im Kreise herumgeirrt? Wir hatten für eine Weile genug und schliefen um halb drei ein.


Hangtschou

Der Anblick war für einen jungen Mann von nicht einmal zwanzig Jahren atemberaubend. Vor ihm lag eine Stadt, so prächtig, wie er noch keine gesehen hatte. So viel Schönheit, dachte er, mußte doch die Bewohner glauben machen, sie lebten im Paradies. Da gab es Hochstraßen, Parks, Uferpromenaden und Kanäle mit Hunderten von Bogenbrücken. Manche davon waren so hoch, daß Schiffe darunter hindurchsegeln konnten. Außerdem hatte die Stadt unterirdische Entwässerungssyste­me, Polizei und Feuerwehr sowie einen gut funktionierenden Postdienst. Das alles war verblüffend für einen Jüngling, der bis vor kurzem im Ve­nedig des 13. Jahrhunderts gelebt hatte. Dabei war das herrliche Hangt­schou, das sich den Blicken des jungen Marco Polo darbot, nur eine der großen Städte im mächtigen Reiche Kathai - wie China damals in Eu­ropa genannt wurde.

Das Russel'sche Huhn

Das Russell'sche Huhn ist kein gewöhnliches, sondern ein Huhn, das sich um Wis­sen und Erkenntnis bemüht. Jeden Morgen um neun Uhr kommt der Bauer und streut ihm Körner in den Futternapf. Am Anfang ist das Huhn scheu und mißtrauisch. Dann aber stellt es fest, daß sich die Prozedur der Fütterung täglich wiederholt, egal ob die Sonne scheint, ob es regnet, stürmt oder schneit. Das intelligente Huhn bildet sich seine Theorie: „Ich werde jeden Morgen um neun Uhr gefüttert. Dieses Ereig­nis ist unabhängig von der Witterung und der Bauer ist mein Wohltäter." Es wird von Tag zu Tag sicherer in seiner Erkenntnis und auch zutrau­lich. Jeder neue Tag bestätigt die Theorie. Das geht ein Jahr lang gut.

Am ersten Tag des neuen Lebensjahres fängt der Bauer das Huhn, dreht ihm den Hals um und abends steht es gebraten auf dem Tisch. Offensichtlich gibt es Elemen­tar­ereignisse im Leben - nicht alle müssen so endgültig sein, wie dieses -, die alle Erkenntnisse und Theorien über das Leben augenblicklich ad absurdum führen. Der Baum des Wissens ist nicht der des Lebens.

 

 

 

 

Der Elefant
Das Panoramafenster
Der Schmuggler
Der Kreisel
Robotik und Leben
Der Bühlerhof
Der Diamant
Verirrt
Hangtschou
Das Russel'sche Huhn